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Vergessene Stimmen von Versailles
Philippe Joseph Hinner (1755–1784) – lange Zeit nur bekannt als „Harfenmeister Ihrer Majestät, der Königin von Frankreich“ – war weit mehr als ein höfischer Musiker. Seine außergewöhnliche Biografie und seine elegante Musik eröffnen einen faszinierenden Blick in die Welt Marie Antoinettes und die feinsinnige Kultur des vorrevolutionären Frankreichs.
Geboren in Wetzlar als Sohn eines Harfenisten, führte Hinners Lebensweg früh über Kontinente: 1764 begleitete er seinen Vater auf eine Expedition nach Französisch-Guayana, überlebte dort eine Tropenfieber-Epidemie und kehrte nach Frankreich zurück, wo er dank der Unterstützung des Ritters Turgot seine musikalische Ausbildung vollendete. Bereits mit vierzehn Jahren trat er beim Concert Spirituel in Paris auf und beeindruckte mit „Kraft, Präzision und Verständnis“.
1774 erhielt er eine Anstellung in der königlichen Kapelle Ludwigs XVI. und wurde bald darauf Harfenist und Kammerdiener der jungen Königin. In ihrer Nähe entstanden zahlreiche feinsinnige Kompositionen – Romances und Airs tendres für Stimme und Harfe –, bestimmt für die eleganten Salons von Versailles und häufig Mitgliedern der königlichen Familie gewidmet. Bei der Taufe seiner Tochter Louise Antoinette Laure (später als Laure de Berny, Muse Honoré de Balzacs, bekannt) standen sogar König und Königin Pate.
Zwischen 1777 und 1780 unternahm Hinner Konzertreisen durch Europa, gefeiert als Virtuose in Italien und London. Nach seiner Rückkehr genoss er weiterhin königliche Gunst, bis sein Leben 1784 – auf dem Höhepunkt seines Ruhms – plötzlich endete. Seine Musik aber blieb: zart, anmutig und von jener empfindsamen Eleganz, die den Geist seiner Epoche atmet.

Die Aufnahme
Seit mehreren Jahren widmen sich Julia Kirchner und Vera Schnider der Wiederentdeckung vergessener Werke für Sopran und Harfe um 1800. Ihr neues Album lässt Hinners Romances und Airs wieder erklingen – intime, fein nuancierte Stücke voller Ausdruck, Grazie und leiser Virtuosität.
Die Interpretinnen orientieren sich an historischen Quellen zu Artikulation, Tempo und Verzierung. Gemeinsam mit der Theaterwissenschaftlerin Julia Gros de Gasquet erforschte Julia Kirchner zudem die historische französische Aussprache zur Zeit Marie Antoinettes – eine Klangsprache mit gerolltem r, italienisierenden Konsonanten und deutlich artikulierten Endlauten.
Vera Schnider spielt auf einer originalen Cousineau-Harfe aus dem späten 18. Jahrhundert – jenem Instrumententyp, den auch Hinner und die Königin selbst gespielt haben könnten.
Diese Aufnahme lädt ein in die erlesenen Salons von Versailles, wo Musik zum Spiegel von Gefühl, Eleganz und Vergänglichkeit wurde – und wo Philippe Joseph Hinner, Harfenmeister der Königin, einst die Herzen berührte.

Philipp Joseph Hinner (1755-1784) Dors, mon enfant – Romances & Airs
1. Complainte d’Amadis: Sur cette roche 3:16
2. Prélude & Air: Si la Vénus qu’on adorait en Grèce 4:00
3. Prélude & Air tendre: Sur le sable de ces rives 6:22
4. Air tendre: Dors, mon enfant 9:50
5. De l’Amant Jaloux: Tandis que tout sommeille 2:35
6. Sonata in G Minor 7:17
7. Air D’Ernelindes: Jeunes beautés 3:15
8. Air tendre: Si je n’aimais pas mon amant 4:47
9. Prélude & Andante in C Minor 2:51
10. Prélude & Air tendre: Ô volage Silvie 4:04
11. Prélude & Quand je vais au bois 2:51
12. Rondeau par M. Hinner 6:17
Gesamtspielzeit:

57:32

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