Rosenkranzsonaten
Rosenkranzsonaten
Als Band 25 der Reihe Denkmäler der Tonkunst in Österreich erschien 1905 eine bis dahin unbekannte Sammlung von sechzehn Violinsonaten des Salzburger Hofkapellmeisters Heinrich Ignaz Franz Biber. Der konkrete Anlass für diese Edition war die Auffindung einer wenige Jahre zuvor aus dem Nachlass des Münchner Naturwissenschaftlers Karl Franz Emil Schafhäutl (1803–1890) in den Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek übernommene Prachthandschrift, in der die Musikstücke durch Bildbeigaben – kleinformatige Kupferstiche mit religiösen Szenen – erläutert werden. Mit der ästhetischen Beurteilung des Zyklus tat sich der Herausgeber Erwin Luntz schwer, da ihr offenkundig programmatischer Charakter nicht in das Bild zu passen schien, das die noch junge Musikwissenschaft seinerzeit von Biber entworfen hatte. Eine Rechtfertigung für die Neuausgabe der Werke sah man „nicht so sehr in dem musikalischen Werte derselben, als vielmehr in dem historischen Interesse, welches diese Sonaten als frühe Dokumente programmatischer Kompositionen beanspruchen können.“ Erst allmählich entwickelten Wissenschaftler und Praktiker ein Verständnis für das in Bibers Sonatenzyklus überaus fantasievoll eingesetzte Mittel der Skordatur; sie erkannten, dass die Bilderserie die fünfzehn Mysterien des Rosenkranzes und den mit diesem eng verbundenen Schutzengelkult repräsentiert, und lernten die eigenwillige Musiksprache des Komponisten zu schätzen. Heute zählt der Sonatenzyklus über die Mysterien des Rosenkranzes zu den bedeutendsten Zeugnissen der barocken Violinmusik, und ihr Komponist gilt unangefochten als einer der führenden Meister des 17. Jahrhunderts. Dieses gewandelte Urteil darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das faktische Wissen um die Entstehung und Zweckbestimmung der rätselhaften Sammlung noch immer ausgesprochen gering ist.
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