Die Meistersinger von Nürnberg
Die Meistersinger von Nürnberg
So sehr die nationale lesart die Wahrnehmung der Meistersinger bis heute bestimmt, so wenig kann man übersehen, wie sehr Wagner gerade hier von den Komödien des lebenslang verehrten William Shakespeare beeinflusst ist. Wagner hat eine Art Übermalung einer Shakespeare-Komödie geschaffen, des Sommernachtstraums, deren Sommernacht eben jene Johannisnacht ist, in der Kobolde ihr Wesen treiben und sich das Schicksal von Liebenden entscheidet. In beiden Stücken ist der Auslöser der Handlung die Brautwahl eines Vaters für die Tochter. Hermia bei Shakespear beschließt daraufhin direkt, mit Lysander zu fliehen, bei Wagner findet der Fluchtversuch von Eva und Walther erst im zweiten Akt statt. Denn in den Meistesingern steht im Mittelpunkt, was bei Shakespearenur eine Nebenhandlung ist: Die Kunstausübung der Handwerker. Von der Versammlung der Handwerker im ersten Akt des Sommernachtstraums hat Wagner dann auch dasAufrufen der einzelnen Teilnehmer übernommen, auch wenn die ehrwürdigen Meistersinger weit davon entfernt sind, so zu scheitern wie die Handwerker bei Shakespeare. Doch auch hierin liegt eine Analogie zum Sommernachtstraum, denn die scheiternde Theateraufführung im letzten Akt dieser Komödie, in der eine beim Zuschauer bekannte Vorlage auf komische Weise verhunzt wird, findet ihre Entsprechung in dem komischen Werbelied des Bechmesser. Bereits in der Hans-Sachs-Oper Lortzings gibt es eine solche Figur, aber erst Wagner macht daraus einen echten Gegenspieler des Sachs und zudem einen Bruder von Shakespeares Malvolio. "Sein Lied ist ganz von Unsinn  voll ", kommentiert das Volk bei Wagner, während Shakespears Hippolyta das Spiel der Handwerker mit den Worten "This is the silliest stuff that ever I heard" begleitet. (Kai Weßler)